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Predigten


Predigt am Mai 2012 in Burkhardsfelden und Lindenstruth
Kantate "Singet"

Predigttext: Apostelgeschichte 16,23-34 - Paulus und Silas im Gefängnis


23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen.

24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.

26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.

27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.

30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?

31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!

32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen

34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.




Liebe Gemeinde,

"Lob Gott getrost mit Singen, / frohlock, du christlich Schar! / Dir soll es nicht misslingen, / Gott hilft dir immerdar." Das sind schon starke Worte, die wir gesungen haben. Vielleicht konnten sie manche gar nicht mitsingen, weil sie schon solange Gottes Hilfe vermissen. Vielleicht konnten sie manche nicht mitsingen, weil das Leid viel zu groß ist, das sie tragen. Doch die Böhmischen Brüder machen erst recht Mut zum Singen: "Ob du gleich hier musst tragen / viel Widerwärtigkeit, / sollst du doch nicht verzagen; / er hilft aus allem Leid."

Wirklich aus allem Leid? Kann man angesichts des Todes singen? Bei Beerdigungen? Kann man am Grab singen? Und auch: Kann man im Gefängnis singen?

Ja, das kann man. So sagen indischen Christinnen und Christen. Sie sagen das, weil sie überzeugt sind: "Glaube ist der Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist."

Nicht nur dieses Lied, das wir gerade gesungen haben, sondern viele andere in unserem Gesangbuch auch, ist in solchen Nächten entstanden, in tiefem Leid. Viele Lieder Paul Gerhardts, sogar seine fröhlichen Lieder, sind mitten im Elend des Dreißigjährigen Krieges entstanden, und inmitten von persönlichen Krisen, die er erlebte. Trotz aller Widerwärtigkeiten singt Paul Gerhardt ganz trotzig; "... die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ, das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist."

Ähnlich sind die Lieder von Jochen Klepper. Er erlebt in der Zeit des Nationalsozialismus die Schrecken des politischen Systems, das nach seiner ursprünglich jüdischen Frau und nach seinen jüdischen Töchtern greift, um sie zu vernichten. Trotzdem singt er: "Ich werde nicht zuschanden, / wenn ich nur ihn vernehm. / Gott löst mich aus den Banden. / Gott macht mich ihm genehm."

Und der im Gefängnis sitzende Martin Luther King beginnt einen Brief aus dem Gefängnis mit den Worten: "Gott ist mächtig". Mehr als 30-mal war er verhaftet worden. Und er schreibt weiter: "Ist jemand unter uns, der seinem Lebensabend entgegengeht und den Tod fürchtet? Warum diese Furcht? Gott ist mächtig. Ist jemand unter uns, der über den Tod eines geliebten Menschen verzweifelt ist? Warum verzweifeln? Gott kann die Kraft schenken, das Leid zu tragen. Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in dieser Welt eine große segnende Kraft gibt, die wir 'GOTT' nennen und die wir als Musik des Herzens vernehmen. Sie kann Wege aus der Aussichtslosigkeit weisen. Sie kann das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln - zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit."

Ob sie alle, die Böhmischen Brüder, Paul Gerhardt, Jochen Klepper, Martin Luther King und viele mehr, das Bild von Paulus und Silas im Gefängnis vor Augen hatten, als die ganz trotzig singen und Gott loben?

Für Paulus und Silas war in Philippi alles schief gelaufen. Zwar hatte sich Lydia zum Glauben bekehrt und sich und ihr ganzes Haus taufen lassen, doch danach gab es Ärger. Diese neue Glaubensrichtung der Jesusleute mit Paulus und Silas an der Spitze brachte die Ordnung durcheinander, wenn sie versuchten, alte bewährte -aber eben heidnische- Traditionen wie die Wahrsagerei zu beenden. Und so kam es, wie es kommen musste: "Man warf sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen." Die Gefängniserfahrung war für Paulus nichts Neues. Er saß nicht zum ersten Mal ein. Das gehörte zu seinem Alltag, damit musste er immer rechnen, dass er sich im Gefängnis wiederfand, gut bewacht.

Gegen diesen normalen Alltag der Christen damals hält Lukas, der Evangelist, der auch die Apostelgeschichte aufgeschrieben hat, Gottes Hilfe fest.

Der bedrückende Alltag von Paulus und Silas ändert sich schlagartig, als Folgendes passiert: "Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie." "Der Glaube ist der Vogel, der schon singt, wenn die Nacht noch dunkel ist." Besser als durch Singen kann man kaum ausdrücken, was man von den Maßnahmen des Feindes hält: Die Jesusbewegung, die gute Nachricht, die frohe Botschaft, die kann man nicht wegsperren, und man kann sie nicht mundtot machen.

Wer trotz aller Widerwärtigkeiten singen kann, und das geht in der Gemeinschaft besser als allein, der zeigt, was er von den Widerwärtigkeiten hält und was er von Gott hält. Der traut Gott Hilfe zu, ohne zu wissen, wie die Hilfe aussehen wird oder wann die Hilfe kommen wird: Noch in der Nacht, nachdem der Vogel gerade erst angefangen hat zu singen? Am frühen Morgen? Wird man noch länger warten müssen?

Plötzlich, wie am Grab des gekreuzigten und beerdigten Jesus "geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab." Paulus und Silas sind frei.

Doch Freiheit ist nicht gleich Freiheiten. Noch einmal zeigen sie Stärke: Sie fliehen nicht aus der Widerwärtigkeit, sondern sie bleiben in ihr - sie bleiben im Gefängnis. Sie nutzen ihre Freiheit nicht zu ihren eigenen Gunsten, sondern zugunsten des Aufsehers. Sie setzen ihre Freiheit zugunsten des Lebens anderer ein.

"Als" nämlich "der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen."

Die Widerwärtigkeit des Todes und der Trauer seiner Familie wollen Paulus und Silas nicht zulassen. Sie glauben an einen Gott des Lebens. Der hat sie singen lassen. Durch eine Flucht hätten sie den Tod des Aufsehers bewusst in Kauf genommen. Das wollten sie nicht. Als Christen stehen sie auf für das Leben und machen in dieser Nacht eine zweite wunderbare Erfahrung damit, dass Gott mächtig ist: Ihr Singen, obwohl sie viel Widerwärtigkeit zu tragen hatten, und ihr bleiben in dieser Widerwärtigkeit, obwohl sie frei waren zu gehen, hat den Aufseher berührt. Er fragt: "Was muss ich tun, dass ich gerettet werde?" Was ist das, was Menschen im Leid und angesichts des Todes, bei Beerdigungen am Grab und im Gefängnis singen lässt?Was trägt und rettet in all diesen dunklen Nächten? Paulus und Silas können den Aufseher zum Glauben einladen und ihm vom Evangelium Jesu Christi erzählen.

Das Leben des Aufsehers ändert sich grundlegend. Er "nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen" Zu diesem Gott, der singen lässt, wenn einem -nach menschlichem Ermessen kaum zum Singen zumute sein kann- zu diesem Gott will er gehören. "Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen"

Das Singen hat eine Leidensgemeinschaft stark gemacht. Es hat den Glauben jedes einzelnen in dieser Leidensgemeinschaft stark gemacht oder eben beeindruckt und zu einer Leben verändernden Entscheidung geführt. Für Paulus und Silas blieb das Leben schwer. Aber sie haben wieder einmal erfahren: Gott ist mächtig -selbst in einer Nacht, die finsterer ist als tausend Mitternächte. Sie werden auch in zukünftigen Widerwärtigkeiten nicht verzagen.

Und für den Aufseher wird als Neu-Christ das Leben wohl auch schwerer werden. Er wird mit Widerwärtigkeiten rechnen müssen. Er kann sich nichts vormachen. Er hat ja erlebt, wohin der Weg von Christinnen und Christen hinführen kann: ins Gefängnis. So wird für ihn der Glaube, den er gefunden und für den er sich entschieden hat, von Anfang an der Vogel sein, "welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist." Auch er hat hat gesehen: Gott ist mächtig.

Zu diesem Gott zu gehören -durch die Taufe- wird die Widerwärtigkeiten nicht verhindern. Es können trotzdem Nächte kommen, die finsterer sind als tausend Mitternächte, aber dabei wird es nicht bleiben. Dieser Gott ist so mächtig, dass nicht nur Singen, sondern auch feiern möglich bleibt: Der Aufseher "führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war." Auch bei dieser Feier ist wohl wieder gesungen worden. Singen verbindet. Es ist Ausdruck von Freude. Und beim gemeinsamen Singen im Leid eine gegenseitige Stärkung. Das kann man bestimmt auch beim gemeinsamen Singen im Gottesdienst erleben. Die Kirche ist sicher kein Gefängnis, aber nicht alle kommen jeden Sonntag gleich fröhlich hierher. Und so wie ich manchmal in meinen Sorgen gefangen bin, sind es andere in ihrer Trauer oder in ihrer Enttäuschung oder in ihrer Niedergeschlagenheit. Aber die Musik der Orgel führt uns hin, dass wir uns einstimmen lassen in Gottes Jubel. Dass wir singend bekennen: "Herr du kennst meinen Weg, / und du ebnest die Bahn, / und du führst mich den Weg durch die Wüste. / Und du reichst mir das Brot, / und du reichst mir den Wein / und du bleibst selbst, Herr, mein Begleiter."

Gott bleibt unser Begleiter solange, bis das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandelt ist - zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.

Amen.


Dieter Sandori, Pfarrer, Reiskirchen-Burkhardsfelden und Lindenstruth



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