Kirchengemeinde Lindenstruth
Ist die Zukunft weiblich?
"Herr, schütte über dieses Haus die Fülle deines Segens aus, lass' deine Sonne scheinen. Gib, dass an deinem Freudenlicht es keinem hier im Haus gebricht, den Großen wie den Kleinen."
Mit diesem Gedicht wurde der Grundstein für den neuen Gemeindehausanbau in Lindenstruth gelegt. Das war im Jahr 1991. Ein wichtiges Datum in der langen und bewegten Geschichte der Kirche in Lindenstruth.
Aus Anlass der 750-Jahr-Feier des Dorfes trug Donald Wallner 1984 Erkenntnisse aus der Geschichte zusammen, die der Kirchenvorsteher Gerhard Neubert 1991 in einer Schrift veröffentlichte. Daraus erfahren wir, dass die Kirche das älteste noch erhaltene Gebäude des Ortes ist. An ihrer Längswand ist neben dem alten gotischen Gewände ein Stein mit einer Inschrift eingemauert, vermutlich der Grundstein. Seiner Inschrift zufolge ist die Kirche im Jahr 1370 erbaut worden. Sie sieht allerdings heute längst nicht mehr aus wie zur Zeit ihrer Entstehung.
"Die Kirche gleicht einer ruinosen Scheuer" klagte im Jahr 1738 der damals zuständige Pfarrer vom Wirberg über die Kirche in Lindenstruth. Er hielt deshalb eine Renovierung für dringend angebracht und setzte sie endlich auch bei den damaligen Patronatsherren durch. Damals, im Jahr 1741, bekam die mittelalterliche Kirche ein barockes Gesicht. Seitdem hat sich die Kirche oft und sehr verändert, und das nicht nur äußerlich. Wie eine Ruine sieht sie schon lange nicht mehr aus, und die derzeitige Pfarrerin muss im Gegensatz zu ihrem Vorgänger aus dem 18. Jahrhundert keine Angst haben, dass es ihr in die Predigt hineinregnen könnte. Auch sonst hat sich baulich einiges geändert. In den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts musste die Kirche erneut gründlich renoviert werden. "Mit Blatt- und Blütenranken köstlich bemalt", so beschreibt der Wissenschaftler Heinrich Walbe im Jahr 1938 das Innere der Kirche, das bei der Umgestaltung leider nicht erhalten wurde. Seitdem sieht die Kirche innen hell und modern aus, der Schmuck und die Bilder stammen aus diesem Jahrhundert. Auch eine Orgel, 1978 eingeweiht, gehört erstmals seit ihrem 630-jährigen Bestehen zur Einrichtung. Die Orgelempore wurde von dem Kirchenvorsteher Heinrich Müller entworfen.
Schon bald nach dem zweiten Weltkrieg stellte sich heraus, dass eine Kirche allein den Anforderungen des Gemeindelebens nicht mehr genügen würde. Die Frauenhilfe wünschte sich schon lange einen eigenen Versammlungsraum. Das hing vielleicht mit den Erfahrungen während der Zeit der Hitlerdiktatur zusammen: Vorher konnten sich die Frauen an ihren Abenden im Schulhaus versammeln, aber dem hitlertreuen Lehrer war das ein Dorn im Auge. So kam es, dass sich die Frauen während dieser Zeit reihum in den Häusern trafen. Auch der Kirchenvorstand tagte in den Häusern der Kirchenvorsteher, und der Pfarrer zog sich vor dem Gottesdienst im Haus der Küsterin um. So wurde 1959/60 ein Gemeindehaus an die Kirche angebaut.
Bei dieser Gelegenheit traten zum ersten Mal seit Bestehen der Kirchengemeinde auch die Frauen in den Urkunden in Erscheinung, obwohl sie schon lange vorher in der Kirchengemeinde mitgearbeitet hatten: Die Frauenhilfe gibt es seit 1922, die erste Küsterin, Frau Menz, begann 1947 mit ihrer Arbeit. In den letzten 50 Jahren haben Frauen nach über 600 Jahren Männer-Kirchengeschichte unübersehbar Einzug in die Kirche gehalten. Seit vielen Jahren sorgen die Küsterinnen für einen abwechslungsreichen Blumenschmuck in und um die Kirche, nach Johanna Müller und Marie Kühn ist das zur Zeit Heike Ertl. Die erste Pfarrerin, Ulrike Fritz-Lauer, hatte Lindenstruth bereits in den siebziger Jahren.
Akzente, die schon Kinder und Jugendliche im Kindergottesdienst und den Kinderchören auf die Kirche neugierig machen, wurden in den letzten Jahren verstärkt gesetzt. Dazu gehören auch Familiengottesdienste, an denen die Kinder und Jugendlichen beteiligt sind. Der neu gegründete Gospelchor Bersrod/Lindenstruth wird ebenso wie der Kinder- und Jugendchor von der Organistin Nicole Langwald hervorragend geleitet und ist inzwischen schon im Gottesdienst, beim Adventssingen und in einem Konzert aufgetreten.
Der von Pfarrerin Volkhardt-Sandori initiierte "Lebendige Adventskalender" bezieht Familien, Gruppen und Vereine in ein gemeinsames Projekt ein: An den Nachmittagen im Advent finden die Kinder jeweils ein Haus, in dem eine Überraschung für sie vorbereitet ist. Neu ist in Lindenstruth auch das alljährliche Weihnachtsspiel des Kindergottesdienstes am Heilgen Abend, zuletzt mit einem selbst geschriebenen Stück nach dem Buch "Hilfe, die Herdmanns kommen" von Barbara Robinson.
Ist die Zukunft der Kirchengemeinde weiblich? Bei aller Freude über die engagierten und begabten Frauen (auch dem derzeitigen Kirchenvorstand gehören "nur" Frauen an) möchten wir das nicht hoffen, im Gegenteil: Wir wünschen uns eine Erweiterung des männlichen Potentials und freuen uns über Männer, die mitwirken. Unser Ziel ist ein ausgewogenes Personenverhältnis, bei dem sich Frauen und Männer engagieren, denn wir finden, dass unsere Kirche weder eine Bastion der Männer noch reine "Frauensache" sein soll. Die Segensfülle, von der das Gedicht in unserem Grundstein spricht, soll ihren Ausdruck finden in vielen verschiedenen Begabungen, die unter dem Dach unserer Kirchengemeinde zu Hause sind.
Verfasserinnen: Waltraud Albach, Kirchenvorsteherin und Ingrid Volkhardt-Sandori, Pfarrerin
Der Artikel ist dem Buch entnommen: "Rund um den Kirchberg". Das Evangelische Dekanat Kirchberg -seine Menschen, Kirchengemeinden und Einrichtungen
Das
Buch ist im Pfarramt erhältlich, Preis: 5,00 Euro.
Es kann auch bestellt werden über Telefon: 06408/63707 oder über pfarrbuero-burkhardsfelden@burkhardsfelden-kirche.de oder dieter.sandori@t-online.de. Bei Versand berechnen wir zuzüglich zum Preis Euro 1,50 für Porto und Verpackung.